Gedanken zum Karriere Ende
19. Mai 2026
Training, Mental Readiness, Motivation
Mein letzter Beitrag im Magazin ist über ein Jahr her - Regelmäßigkeit sieht anders aus, das weiß ich. Es gibt dafür auch keine andere Ausrede, als das es einfach keine Priorität hatte.
Was war in der Zwischenzeit also bei mir los?
Mit dem Start in das Trainingsjahr 2025/26 stiegen auch die Anmeldungen bei Jule's Coaching. Super als Unternehmerin - schwierig, wenn man dazu 20 h pro Woche trainieren und auch ab und zu mal schlafen sollte. Hätte es das Ziel Olympia nicht gegeben, wäre ich auch nicht in diese Vorbereitung gegangen. Denn ohne, dass das jetzt zu dramatisch klingen soll (ich hatte es mir ja selbst ausgesucht), diese letzte Saison hat mir alles abverlangt.
Gleichzeitig sammelte ich außerhalb des Biathlons, durch das Ausrichten meiner eigenen Trailrunning-Camps, dem Unternehmenseinstieg bei Ineofit oder dem Filmdreh mit meinem neuen Kopfsponsor andQFIVE viele spannende Erfahrungen und konnte inspirierende Menschen kennen lernen. Natürlich war das auch zusätzlicher Stress und sicher nicht nur förderlich für die sportliche Form.
So blieben dann auch bei den Deutschen Meisterschaften und den ersten Rennen des Winters die Ergebnisse aus. Wenn ich ehrlich bin - seit meinem Unfall war mein Körper nicht mehr über einen längeren Zeitraum in der Lage, ein hohes konditionelles Niveau zu halten. Ich habe Alles versucht, die wenige Zeit für Regeneration und die Trainingsstunden, die der Arbeit zum Opfer fielen, haben dazu ihr Übriges getan.
Und da war auch noch eine andere Frage, die spätestens seit dem ersten Wettkampfwochenende im Winter in meinem Kopf war: will ich überhaupt in eine Mannschaft des DSV?
Meine Werte sind Loyalität, Freiheit und Selbstbestimmtheit - alles Dinge, die man in unseren Strukturen kaum vertreten kann. Authentizität eckt an. Mir kamen die typischen Sportler Probleme - es wird quasi permanent über jeden geschimpft, der nicht mit am Tisch sitzt - mittlerweile so unbedeutend und unwichtig vor. Ich hatte mich weiter entwickelt.
Ich brauchte nur noch den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören und der kam mit dem Alpencup in Hochfilzen. Olympia hatte ich verpasst, krachend gescheitert kann man sagen und das war und ist völlig ok für mich. Vor dem Wochenende sind bei meinen engen Freunden viele Tränen geflossen. Wenn ihr das hier lest, Danke! Ich dachte, dass das auch an Tag X passieren würde - maximal ein oder zwei, das wars.
Es war wie eine Befreiung.
Eine Befreiung vom permanenten unterschwelligen Druck, immer das optimale für den Sport aus jeder Lebenssituation raus holen zu müssen. Eine Befreiung vom permanenten beurteilt werden, vom Gefühl, wie ich bin nicht in ein System zu passen.
Für mich war es der perfekte Moment - ohne Verabschiedung, so dass es nur die für mich wichtigen Menschen vorher wussten.
Nach dem Tag X habe ich (bis auf der Personal Training mit meinen Athletinnen und Ahtleten) erstmal wochenlang nicht trainiert. Ja ehrlich - ich hatte keine Lust auf Sport, schon gar nicht bei Regen (ein echtes Privileg, da nicht raus gehen zu müssen). Wir haben als Familie die Tansania Reise nachgeholt, die wegen meinem Unfall ausgefallen war - es war ein Traum. So richtig Urlaub, ohne Gedanken wie: müsste ich nicht mal laufen oder Stabi machen? Danach war ich 4 Wochen krank, so richtig - endlich Medikamente nehmen, ohne vorher dazu zu recherchieren.
Rückwirkend hatte ich im Winter sicher ein beginnendes Burn Out - dafür habe ich jetzt ein gut laufendes Unternehmen und die Freiheit, mich auszuprobieren. So durfte ich zum Beispiel einen Vortrag an meiner alten Hochschule halten und werde mich jetzt in der Nachwuchsarbeit beim Skigau Werdenfels engagieren.
Es taugt mir sehr, noch mehr Zeit und Ideen in die Trainingspläner meiner Athletinnen und Athleten einzubringen. Ich durchlebe an der Seitenlinie ganz ähnliche Emotionen wie als Aktive und natürlich fließt auch bei mir die ein oder andere Träne.
Ich weiß, wie viel Leidenschaft, Verzicht und Kämpfe mit sich selbst hinter einer Leistung im Ausdauersport stecken.
2025/26 hat mich viel gelehrt: Nein sagen, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt und gleichzeitig so oft wie möglich die Komfortzone verlassen. Am 01.05.2026 ist das neue Trainingsjahr gestartet - der 01. Mai ein Datum, dass für immer eingebrannt sein wird. Ich genieße es jetzt sehr, nicht raus zu müssen, wenn der Regen jetzt morgens auf mein Dach prasselt. Dann gehe ich zu meiner Kaffeemaschine und plane vom Laptop aus die nächsten Gemeinheiten für meine Athletinnen und Athleten ;)
Biathlon, du warst meine Leidenschaft und ich möchte die Zeit nicht missen - es ist aber gut, dass sie vorbei ist.
Eure Jule